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Youssef kommt in die Schule

IMG_1200Wenige Wochen nach der Ankunft in Deutschland beginnt für den zehnjährigen Youssef aus Syrien ein neues Kapitel.

Im Mai wird er zusammen mit seinem älteren Bruder Dschihad in Darmstadt eingeschult. Bei der Anmeldung in der Schule durfte ich die Familie mit der Kamera begleiten, wie schon bei ihrer Ankunft am Frankfurter Flughafen im März.

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Vielleicht stolpert ihr (wie ich auch) erstmal darüber, dass ein Jugendlicher  „Dschihad“ heißt, weil das Wort bei uns eigentlich immer nur in einem Atemzug mit Islamismus genannt wird. Es bedeutet auf Arabisch einfach soviel wie „Anstrengung, Kampf, Einsatz“. Aber zurück zur Geschichte.

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Mit dabei im Sekretariat: Mutter Reem, Onkel Nouri und Matthias vom Helferkreis, der ermöglicht hat, dass Youssef, seine Mutter und seine vier Geschwister nach Deutschland kommen. Die Helfer kommen finanziell für die Familie auf und unterstützen bei Behördengängen und Alltäglichem.

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Im Büro der Schulleiterin dauert es lang: Wie genau schreiben sich die Namen der Kinder? Gibt es Krankheiten, Allergien, Besonderheiten? Wer soll im Notfall angerufen werden? Die Rektorin fragt, Nouri übersetzt, Mutter Reem antwortet, Nouri übersetzt wieder. Die Schulleiterin notiert.

IMG_1154Bei Youssefs älterem Bruder wird Legasthenie vermutet. So genau lässt sich das aber nicht sagen. Auch bei Youssef könnte es sein, dass „Lernbeeinträchtigungen“ vorliegen, sagt die Schulleiterin. Auch das ist nur eine Vermutung, denn Youssefs Schullaufbahn war kurz. Er hat nur die ersten beiden Klassen besucht. In dem Moment wird mir klar, was Krieg auch bedeutet. Er bedeutet nicht nur, dass Bomben fallen, Städte zerstört werden, Menschen sterben oder ihre Heimat verlassen müssen.  Er bedeutet auch, dass ein zehnjähriger Junge seit zwei Jahren nicht mehr zur Schule gegangen ist. Und dass man deswegen nicht weiß, wie gut er lernt. Youssef und Dschihad kommen in eine Intensivklasse. Oberstes Ziel hier: Deutsch lernen. Je nachdem, wie schnell sie Fortschritte machen, bleiben sie ein bis zwei Jahre dort. Dann folgt der Wechsel in eine reguläre Klasse.

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Die Rektorin erklärt die Schulordnung (keine Handys und keine Kaugummis!) und den Stundenplan. Vormittags gibt es Unterricht, mittags für alle, die wollen, ein Mittagessen. Nachmittags gibt es freiwillige Freizeitangebote, einmal die Woche müssen die Schüler länger bleiben. Dann stehen Ausflüge in Darmstadt und die Umgebung auf dem Programm. Für das Mittagessen kann man beim Schulamt einen Zuschuss beantragen, genauso wie für die Monatskarte für Bus und Bahn. Der bürokratische Ablauf ist selbst uns Deutschen am Tisch nicht auf Anhieb verständlich. Mathias will sich darum kümmern. Und der Stundenplan wirft schließlich neue, pragmatische Probleme auf: Die Jungs sollen schon diese Woche zur Schule gehen, und es steht auch Sport auf dem Programm. Dabei haben sie keine Sportschuhe…

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Dann geht es rüber in die Klasse. Gerade hat die Pause begonnen und die Kinder strömen Richtung Schulhof. Im Treppenhaus werden Youssef und Dschihad von ihren neuen Klassenkameraden freudig begrüßt. Ein Junge spricht sie unvermittelt auf Arabisch an: „Kommt ihr aus Syrien?“ Hier steckt hinter jedem Jungen und Mädchen eine tragische Geschichte, schießt es mir durch den Kopf. Neue Schüler kommen im Lauf des Jahres in die Klasse, wann sie eben in Deutschland ankommen.

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Im Klassensaal stehen die Brüder recht verloren herum. Das hätten sie vermutlich auch nicht gedacht, dass sie mal dieselbe Klasse besuchen, denke ich mir. Vier Jahre liegen zwischen ihnen. Ob sie das nun gut oder schlecht oder einfach nur komisch finden, kann ich aus ihren Gesichtern nicht ablesen.

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In einem Nebenraum werden die Neulinge der Klasse  gemeinsam unterrichtet, unabhängig vom Alter. Auch Jugendliche sind dabei, wie Dschihad. Für viele steht am Anfang des Deutschunterrichts, dass sie lateinische Buchstaben lernen – und, von links nach rechts zu lesen.

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Die beiden Lehrerinnen stellen sich freundlich vor, sie geben den Jungs die Hand zur Begrüßung. Ihre Mutter will wissen, wohin sie auf dem Schulhof gehen dürfen und ob es Probleme mit Schlägereien gibt. Auf Englisch sagt sie zu mir: „Ich habe noch nie eine deutsche Schule gesehen. Meinst du, die hier ist gut?“

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Am Ende sagt die Klassenlehrerin zwei einfache Sätze und bittet Nouri, sie für Reem zu übersetzen. Es sind die Wichtigsten des Tages: „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ihre Kinder werden sich hier sehr wohlfühlen.“

Die Ankunft der Familie in Deutschland seht und lest ihr in Youssef ist da.

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2 Gedanken zu “Youssef kommt in die Schule

  1. Da können einem fast ein bisschen die Tränen kommen, wobei dieses Schicksal mit Sicherheit nicht einzigartig ist. Nur, dass ich die Geschichte dieser Familie nun ein wenig kenne.
    Im Zusammenhang mit dem kaum vorhandenen Schulunterricht von Youssef fällt mir immer etwas auf. Es wird ja proklamiert, dass man in Deutschland gut ausgebildete Flüchtlinge sehr gerne aufnehmen würde, am liebsten sogar Akademiker oder jugendliche Flüchtlinge, die hier eine Lehre machen sollen. Aber in Ländern, in denen seit 6 Jahren oder mehr Bürgerkrieg herrscht, wird es nicht mehr so viele gut ausgebildete Menschen, die man hier in akademische Berufe oder Lehrstellen stecken kann, geben.
    Ich wünsche dieser tapferen Familie alles Gute, viel Glück und Erfolg!
    Sabiene

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