Helmut Schmidt ist tot: Sterben im Ticker

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Ich hab`s von einer Kollegin erfahren. Heute Nachmittag, es muss kurz nach drei gewesen sein, sagte sie im Nachbarbüro: „Helmut Schmidt ist gestorben“. Meine erste innere Regung war: Endlich!


Warum? Weil ich diese ständigen Meldungen zum Gesundheitszustand unseres Altkanzlers nicht mehr ertragen konnte. Er war im Krankenhaus, sein Zustand war schlecht, er besserte sich nicht, dann doch. Er wurde entlassen. Gestern hieß es auf web.de: „Familie: Er kann und will nicht mehr“. Heute dann titelte die „Welt“ online: „Der Gesundheitszustand von Helmut Schmidt verschlechtert sich dramatisch“.  Das ist Sterben im Ticker!

Stunden vom letzten Atemzug bis zum Todes-Post

Ich weiß, Helmut Schmidt war ein bedeutender Staatsmann, einer der ganz Großen. Ich habe ihn mir auch immer gern im Fernsehen angeschaut, und seine Zwiegespräche mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo fand ich unterhaltsam und erhellend. Er war ein riesen Sympathieträger und jemand, dessen Urteil die Deutschen vertraut haben. Klar interessiert die Menschen, was mit ihm ist. Die Unterzeile des „Welt“-Artikels lautete übrigens: „Leibarzt hat keine Hoffnung mehr für Helmut Schmidt“. Herrgott, der Mann war 96!

15.22 Uhr: Eilmeldung auf Facebook: „Altkanzler Helmut Schmidt ist tot“. Er sei „heute Nachmittag“ in seinem Haus gestorben. Nachmittag beginnt um 12 Uhr. Gute drei Stunden vom letzten Lebenshauch zum Facebook-Post, schießt es mir durch den Kopf.

Ist der erste Nachruf auch der beste?

Aber das finde ich eigentlich nicht weiter schlimm. Die blanke Nachricht von Helmut Schmidts Tod muss schnell in die Welt, die Menschen wollen informiert werden. Geschwindigkeit ist die Währung im digitalen Zeitalter, und wer schnell ist, kriegt die Klicks. Und auf Klicks, das haben wir alle verinnerlicht, kommt es an.

(gefühlt) 15.23 Uhr: Die ersten  Zeitungen posten auf Facebook Nachrufe auf Helmut Schmidt. Wir wissen, dass diese Texte schon seit Langem auf ihre Veröffentlichung gewartet haben. Und alle, die es nicht wussten oder sich gern der Illusion hingeben, dass doch noch mal eben jemand drüberschaut, dürften jetzt eines besseren belehrt werden. Liest man auch den schnellsten, ersten Nachruf? Ist das dann der Bessere?

Wir Leser sollen Schuld sein

Das Argument, dass immer angeführt ist, dass wir, die Leser, die User, das so wollen. Wir wollen Schnelligkeit und wir wollen nicht, dass uns jemand etwas vorenthält, wenn auch nur fünf Minuten. Das möchte ich auch nicht. Aber nicht um jeden Preis.

Sterben im Ticker und Nachrufe zwei Minuten nach der Todesnachricht – das will ich jedenfalls nicht. Wenn ich nicht die Mehrheit bin, dann soll mir das Recht sein. Aber zumindest habe ich das hier mal kundgetan.

22.27 Uhr: Ich geh mal eben die Nachrufe lesen, die innerhalb der letzten Stunde online gegangen sind.


Foto: „Schmidt 01“. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schmidt_01.jpg#/media/File:Schmidt_01.jpg

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7 Gedanken zu “Helmut Schmidt ist tot: Sterben im Ticker

  1. sofatexter schreibt:

    Es war schon krass – die erste Nachricht, die ich heute Vormittag auf NDR.de gesehen habe, war „Zustand kritisch – Helmut Schmidt wird sich wohl nicht mehr erholen“ – da habe ich noch gedacht, naja Totgesagte leben länger – hat leider nicht geklappt. Ist wohl auch besser so.

    Also lange Rede, ich bin ganz deiner Meinung! Danke, für den Beitrag!

    Gefällt mir

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